Wenn sich einer Arbeit fuer uns macht, dann ist es Volker. Ein geniales Excel-Tool nach dem anderen und jetzt hat er einen so tollen Kommentar geschrieben, dass ich ihn gleich zum Blog-Post gemacht habe; in der Hoffnung, dass so eine gute Diskussionsplattform fuer all die Gedankenanstoesse entsteht, die uns Volker gegeben hat.

Woher kommt die Chance im Chance Risiko Verhaltnis?

Das CRV ist meiner persönlichen Erfahrung nach nicht so exakt zu
verwenden wie es suggeriert: ob ich einen Trade mit CRV von ca. 1,5
oder 2 eingehe, sehe ich nicht so kritisch. D.h. ich würde auch einen
Trade mit CRV 1,5 eingehen (und den Trade mit CRV 1,9 wegen einem
Mindest-CRV von 2 NICHT ausschließen). Natürlich muss es auch eine
sinnvolle CRV-Untergrenze geben, ab dann macht es keinen Sinn mehr (und
bringt den Erwartungswert des Systems in den Keller). Diese Grenze ist
dann sicher subjektiv. Viel wichtiger mE als die nackte CRV-Zahl ist
die Wahrscheinlichkeit, dass der Trade auch aufgeht.

Auch wenn der
einzelne Trade an sich unter vielen in diesem Langfrist-”Experiment”
eher ein Zufallsprodukt darstellen wird, bin ich dennoch der Meinung,
dass man versuchen sollte, soviel “Erfolgswahrscheinlichkeit” wie
möglich auf seiner Seite zu haben. Man könnte es dann den “Weg des
geringsten Widerstandes” nennen, was auch so schon von einigen Tradern
bezeichnet wurde. Dort, wo im Chart der geringste Widerstand ist, wird
der Kurs “aller Wahrscheinlichkeit nach” (beachte: es ist immer ein
Spiel der Wahrscheinlichkeiten) hinlaufen. Und wenn er dies in einem
oder 2 Fällen nicht macht, dann ändert dies dennoch nichts daran, dass
es bei vielen n (= Trades) genauso ablaufen wird (das ist quasi ein
Grundprinzip der technischen Analyse).

Wie man solche Setups findet:
Erfahrung! Üben, üben und nochmals üben. Wenn man mal ein paar 1000
Charts durchanalysiert und immer wieder geprüft und angesehen hat, dann
bekommt man zwangsweise ein Gefühl dafür, wie der Markt in bestimmten
Situationen “tickt”. Das geht aber nicht von heute auf Morgen, sondern
dauert Jahre der intensiven Vorbereitung und Analysen.

Wie sollte ich meinen Stopp platzieren? Und wie sollte ich mein Risiko steuern?

Verlustrades müssen in vielen Fällen gar nicht bei -1R enden.
Beim Daytrading wird dies schwieriger (da Zeitebene zu kurz für
“überlegte” Handlungen, die man ggf. noch ergreifen könnte), beim
Positionstrading ist dies einfacher: man setzt den Stopp einfach weiter
weg (sinnvoll “weit” natürlich) und lässt dem Trade etwas mehr “Luft”;
die Stopps werden weniger aggressiv gesetzt. Dadurch wird
logischerweise das CRV schlechter (d.h. geringer), aber dazu s. Punkt
1. Ich ziehe einen Trade mit CRV 1,5, bei dem ich wirklich nur dann
ausgestoppt werde, wenn das ganze Setup hinfällig wird (und nicht durch
das “Marktrauschen” gestoppt werde) einem Trade mit CRV 2,x vor, bei
dem die Wahrscheinlichkeit deutlich höher ist, ausgestoppt zu werden
und man den Stopp ggf. nur deswegen so “weit ranzieht”, damit ein CRV
von min. 2,x herauskommt. Wie man Stopps sinnvoll setzt, ist hier auch
schon mal beschrieben worden oder in Pierres Buch. Aber auch hier gilt:
erst Erfahrung bringt einen weiter.

Wenn man den Stopp weiter setzt, hat man auch die Möglichkeit, früher
aus einem Trade herauszugehen, wenn dieser “kippt”. Da bis zum
endgültigen Stopp (Knock-Out) ja noch “Platz” ist, kann man auch mal
kurze Rücksetzer besser verkraften (”lässig” bleiben) oder eben gleich
das Risiko reduzieren, indem man schonmal einen Teil der Anlage sofort
aus dem Trade nimmt. Im eigenen Trading werde ich selten mit -1R
ausgestoppt, meist gehe ich selbst deutlich früher raus. Besonders in
Zeiten hoher Volatilität (die natürlich beim Setzen eines Stopps
mitberücksichtigt werden muss) sollte man mE die Stopps weiter weg
setzen.

Dazu auch noch etwas zur viel diskutierten Trefferquote (TQ): ja,
eine hohe TQ ist sicher nicht alles und alleine sagt der Wert so gut
wie nichts über den Erwartungswert eines Systems aus. ABER: IMHO ist
ist auch nicht so unwichtig, dass man sie nicht weiter berücksichtigen
sollte. Psychologisch fühle ich mich wesentlich besser, wenn viele
Trades aufgehen und wenige gestoppt werden (das wird vielen so
ergehen). Diesen Zustand kann man versuchen zu erreichen, wenn man z.B.
seine Stopps weiter setzt (s.o.), auch wenn dadurch weniger Gewinn
erwartet werden muss (da das CRV ja geringer ist).

Außerdem kann man,
wie Pierre so schön formuliert hat, sich auf die “alten und kranken
Gazellen” (Stichwort: Geparden-Analogie) konzentrieren und andere,
schwierigere Fälle/Trade-Setups anderen überlassen. Wieso sollte ich es
mir schwerer machen, als es sein muss? Ich will ja nicht mein
Können/Trading-Fähigkeiten jemanden/dem Markt beweisen, sondern Geld
verdienen…

Generell dürfte es für einen diskretionären Trader deutlich
einfacher sein, wenn er ein System mit relativ hoher TQ betreibt als
mit niedriger, selbst wenn beide System den gleichen (positiven) EW
haben. Nur als Systemtrader, der ein autom. Handelssystem einsetzt und
sich um einzelne Trades nicht kümmern muss, würde ich persönlich ein
System traden, dass eine auffallend niedrige TQ, aber dennoch einen
positiven EW hat. Das menschliche Gehirn funktioniert eben anders wie
ein Computer. Und da die emotionale Verfassung des Trades bei
diskretionärem Trading einen maßgeblichen Einfluß auf das
Tradingergebnis hat, kann man es sich einfach nicht erlauben, diesen
wichtigen Punkt zu ignorieren. Es ist psychologisch definitiv ein
Unterschied, wie hoch die TQ seines Systems ist. Nur “hartgesottenen”
Mathematikern dürfte eine emotionale Bewertung der TQ vermutlich egal
sein (möglich ist es also).

Im Trading geht es mE eher um Risikokontrolle und Verlustbegrenzung
und weniger um Gewinnmaximierung. Wenn der Trade einfach länger
braucht, um zu starten (weil man ihm mit einem weiten (sinnvollen)
Stopp mehr “Luft” gegegeben hat) und dann auch noch weniger Gewinn
abwirft (weil man wegen dem niedrigeren CRV weniger
Aktien/CFDs/Kontrakte gekauft hat), ist das für mich nicht negativ, im
Gegenteil: ich möchte ja nicht schnell “reich” werden (mit dem
entsprechend hohen Zufallsfaktor und größerem Risiko), sondern über
längere Zeit kein Geld verlieren und konstante Erträge verdienen.
Apropos: das mit dem konstanten Verdienen ist auch eher
Idealvorstellung. Daher: in “guten Zeiten” einen Teil der Gewinne für
“schlechte Zeiten” zurückhalten und sichern. Es ist doch klar, dass man
nicht immer gleich gut (oder gleich schlecht) handeln kann, und das
muss noch nicht mal hauptsächlich an einem selbst liegen.

Da das Risiko eines der ganz wenigen Parameter ist, den man als Trader
kontrollieren kann, muss doch ein Hauptaugenmerk beim Trading genau
darauf liegen. Ich würde mal behaupten: wer das Risiko beim Trading
“gut” kontrollieren kann, der wird auf Dauer gar nicht verlieren
können. Die Betonung liegt aber auf “Dauer”, denn ein statistisches
System mit einem Erwartungswert muss auch ein genügend hohes n (=
Anzahl Trades) besitzen, um sich seinem EW annähern zu können. Und
Zahlen um die 100 oder 500 (= Trades) sind da mE zu wenig, was auch
wieder die große Streuung und Bandbreite der Einzelergebnisse erklärt
(und nebenbei die Problematik aufzeigt, wie man überhaupt zu
signifikanten Zahlen kommen kann). In der Statistik kann man z.B. die
Anzahl n ausrechnen, die mind. gegeben sein muss, um eine Aussage über
eine Wahrscheinlichkeit mit z.B. 5% Irrtumswahrscheinlichkeit überhaupt
treffen zu können.
Tipp: man sehe sich in dem “R”-Wartungswert-Tool (unter Software) die
Bandbreiten der Konfidenzintervalle mit 2s (s =
Stichprobenstandardabweichung) an und vergleiche die untere und obere
Grenze mit dem Erwartungswert des Systems: dann wird man sehen, wie
weit die Einzelergebnisse streuen können.

Ist der Break-Even Stopp die richtige Strategie?

Wenn der Trade wie erwartet läuft, dann den Stopp auf
Einstandskurs (Break-Even) heranziehen und bei weiterhin positivem
Verlauf immer nachziehen (Trailern), aber wieder: “sinnvoll”. Auch
gerade das Trailing erfordert mE Erfahrung. Ich verwende die einfache
Methode: bei Aufwärtstrends: wenn ein neues High gemacht wird, dann
Stopp knapp unter das letzte Low setzen. Bei Abwärtstrends umgekehrt
analog. Dann muss man nur noch ein paar Sondersituationen
berücksichtigen wie z.B. wenn der Trend (in die gewünschte Richtung)
explodiert und es gar keine richtigen Rücksetzer mehr gibt. Aber in
vielen Fällen wird die Methode schonmal gut funktionieren.
Seitwärtsphasen sind natürlich anders zu traden, da setzt man die
Stopps dann natürlich auch anders.

Und man sollte die Gewinne sichern…

Gewinne auch mal teilweise mitnehmen, bevor das Kursziel erreicht
wird. Zu diesre Ausstiegsstrategie kann man geteilter Meinung sein (und
verschiedene Trader handhaben das auch unterschiedlich). Und es hängt
wieder mal von der verwendeten Zeitebene ab. Ich als Positionstrader
bin allerdings bisher gut damit gefahren, bei signifikanten Marken
einen Teil (z.B. die Hälfte) schonmal “mitzunehmen”.

Damit wird man nie
das Optimum treffen (entweder man ist mit der einen Hälfte zu früh raus
oder mit der anderen zu spät). Aber es geht hier um ein Spiel der
Wahrscheinlichkeiten und jeder Trade, der Gewinn bringt, macht auch
Sinn. Man sollte nie vergessen, das es sowas wie “sichere” Gewinne (wie
bei den Zinsen als Festgeld) hier nicht gibt. Wenn sich der
Gesamtgewinn mit dieser Methode langsamer entwickeln sollte, was solls?
Dann braucht man eben etwas länger, um seine Ziele zu erreichen. Für
mich gilt: in einem Spiel (dem Trading), bei dem die
Wahrscheinlichkeiten jeden Tag neu “gemischt” werden und sich jeden (!)
Tag die (Chart-)Situation neu ergeben kann (z.B. durch News, externe
Ereignisse, etc.), ist eine Methode, die mit “Sicherheit” einen Teil
des Geldes verdient mehr wert als eine Methode, die versucht, immer das
Maximale herauszuholen, weil dies in vielen Fällen einfach nicht
funktionieren wird.
Natürlich wird bei teilweisen Gewinnmitnahmen der Erwartungswert eines
Systems anders aussehen als bei vollständiger Glattstellung erst am
Kursziel. Wie, kann man z.B. mit meinem “R”-wartungswert-Tool
ausrechnen, in dem man verschiedene Verteilungen durchspielt.

Ein paar Gedanken zum Erwartungswert

Ganz trivial, aber effektiv: wenn der Erwartungswert (EW) eines
Systems, wie man in der Simulation gesehen hat, so schwanken kann, dann
wäre es doch eine gute Idee, dem System, wenn es mal gut läuft (was ja
auch zufällig sein kann), einen Teil der verdienten Kohle zu entziehen
und diesen Teil so vor dem nächsten Drawdown zu bewahren. Was nicht
mehr investiert wird, kann logischerweise auch nicht mehr verloren
werden. Wenn man also z.B. 20% des Gewinns pro Zeiteinheit (ist ja
abhängig von der betrachteten Zeitebene) regelmäßig sichert, sieht der
EW für den Gesamtgewinn ganz anders aus, weil man in Drawdownphasen,
die sicher irgendwann kommen werden (nur die genaue Wahrscheinlichkeit
ist unbekannt, aber nicht das Ob), nicht mehr soviel verlieren kann.
Mit dieser Methode beschränkt man sich selbst im maximalen Gewinn, doch
dieser ist – zumindest für mich – sowieso nicht das erstrebenswerte
Ziel, s.o.. Man hat es immer mit Wahrscheinlichkeiten zu tun, es gibt
keine SICHEREN Trade-Setups.
Wie so ein System sich gegenüber einem System, bei dem immer alles
Kapital voll eingesetzt wird, in einer Simulation schlägt, würde mich
persönlich mal interessieren.

In Phasen, in denen es weniger gut läuft, müsste das
Einzelpositionsrisiko auch relativ schnell reduziert werden, so dass
man auch so vor einem übergroßen Verlust bewahrt wird. Das ist
allerdings schwierig, denn man weiß ja meistens nicht, ob der Trade
gerade ein Ausreißer war oder der ganze Markt “plötzlich” dreht… Birger
Schäfermeier hat dazu in seinem Buch aber interessante Methodiken
beschrieben.

Der Erwartungswert ist variabel

Da der EW, wie auch schon im Blog kommentiert wurde, nicht eine
Konstante ist, sondern sich dynamisch verändert, sollte man IMHO in
Simulationen eher mit konservativem EW rechnen/kalkulieren (oder ggf.
einen Durchschnitt bei ausreichend (!) großer Zahl an Trades bilden).
Weil der EW dynamisch ist, ist es noch schwieriger, einen EW für “sein”
System in die Zukunft zu prognostizieren. Daher würde ich eher mit
konservativen Annahmen rechnen, im Zweifelsfall wird man so eher
positiv als negativ überrascht, wenn es dann doch besser läuft.

Und wann sollte man Pyramiden bauen?

Pyramdisieren (s.a. Punkt 2.): wenn man Trades “erwischt”, die
wie erwartet laufen, sollte man pyramidisieren und seinen Gewinn
dadurch versuchen zu maximieren. Im Prinzip “ziehe” ich bei jedem Trade
erstmal eine Zufallszahl aus einem Urne (die Statistik-Vorlesungen
lassen grüßen ;-)
): dies kann ein positives Ereignis (Trade verhält sich wie erwartet)
oder eine negatives Ereignis (Trade verhält sich nicht wie erwartet)
sein. Die lethargischen Trades, bei denen nichts wesentliches passiert,
lassen wir mal einfacherhalber außen vor. Durch viel Erfahrung kann ich
die “guten” Trades mit der Zeit besser einschätzen bzw. ausfindig
machen, aber kontrollieren kann ich sie nie. Ich erhöhe “nur” die
Wahrscheinlichkeit, dass ich gerade einen “Gewinner” gezogen habe.
“nur” ist natürlich ironisch gemeint, denn in einem Spiel der
Wahrscheinlichkeiten macht es natürlich viel aus, wenn ich mir einen
statistischen Vorteil (durch was auch immer, hier: durch Erfahrung)
verschaffe. Wie groß dieser effektiv ausfällt, hängt von verschiedenen
Faktoren ab, sollte aber auch nicht überbewertet werden: ich vermute
mal, auch ein Trader mit 10 Jahren Erfahrung wird “Fehlgriffe” machen
und zwar immer wieder. Nur wird er viel weniger davon machen als ein
Anfänger und er wird auch viel schneller als dieser sich seinen Fehler
“eingestehen” und den Trade verlassen, bevor größere Verluste anfallen.
Erfahrene Trader sind sehr wahrscheinlich auch viel bessere
Risiko-Manager als Anfänger…

So, wenn man jetzt vermeintlich einen “Gewinner” gezogen hat, dann ist
es doch sinnvoll, diesen möglichst stark zu “pushen” und zu versuchen,
diesen maximal auszureizen. Das kann man z.B. mit Pyramdisieren. Und
dies ist IMHO nicht nur bei (starken) Trendfolgern möglich. Es ergibt
sich oft bei Trades immer wieder eine günstige Nachkaufgelegenheit, die
hat dann ggf. ein schlechteres CRV als der Ursprungstrade, aber das ist
ja nicht weiter tragisch: man ist dann ja schon im Gewinn und kann
diesen als eine Art “Sicherheitsprämie” einsetzen. Im ungüngstigen Fall
wird man seinen bisherigen “virtuellen” Gewinn wieder abgeben müssen,
aber dann hat man eigentlich “nur” seinen Buchgewinn verloren. Dafür
hat man die Chance auf einen höheren Gewinn im Trade gehabt. Wie man
richtig pyramidisiert, kann man z.B. auch bei Birger Schäfermeier
nachlesen (sagte ich schon, dass ich sein Buch für sehr empfehlenswert
halte? ;-) )

Disziplin, was sonst…

Zu den Simulationen des EW eines Systems an sich: man muss,
besonders als diskretionärer Trader, äußerste Disziplin walten lassen,
d.h. z.B. Trades dürfen dann wirklich nur max. -1R kosten. Wenn man
hier fahrlässig handelt, ist die ganze Simulation nichts wert, da die
Annahmen falsch sind. Diese Disziplin ist es meiner Meinung nach, die
einen größeren Teil eines Tradererfolgs ausmacht. Wer sich eingestehen
kann, dass er nicht über ausreichend Disziplin verfügt, der sollte sich
mE erstmal ein anderes “Hobby” suchen und versuchen, Disziplin zu
“lernen”. Ich sehe es als eine der Grundvoraussetzungen fürs Trading an.




Traden lernen:

http://www.daytrading.de/trading-lernen-personal-coaching/





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