Es gibt Kollegen in der Finanzbranche deren Inhalte ich sehr schätze. Einer davon ist Jochen Steffens. Mit seiner Genehmigung möchte ich hier einen wertvollen Artikel veröffentlichen und wünsche viel Spaß beim lesen!
Was braucht man, um als Day-Trader überleben zu können?
von Jochen Steffens
Nutzen wir die etwas unentschlossenen Börsen der Osterferien, um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern:
Welche Voraussetzungen braucht man, um Day-Trader zu werden? Das ist eine Frage, die mir in dieser oder anderer Form immer wieder gestellt wird. Natürlich ist sie so einfach kaum zu beantworten. Die Erfordernisse sind höchst individuell. Auch das, was die verschiedenen Menschen sich unter dem Begriff „Trader“ vorstellen, unterscheidet sich bereits.
Zwischen Schein und Sein
Das erste Problem ist, dass die Vorstellungen der Fragenden oft meilenweit von jedweder Realität entfernt sind. Nun gehöre ich nicht zu den Börsianern, die das Leben eines Traders in schillernden Farben beschreiben, denn das ist Unsinn.
Yacht und Südsee
Ich kann mich noch gut erinnern, als ich nach den ersten Erfolgen langfristiger Investitionen ermutigt den Entschluss fasste, mich dem kurzfristigen Traden zu widmen. Zu dem Zeitpunkt, war ich mir vollkommen sicher: Es würde ein, höchstens zwei Jahre dauern – wenn überhaupt – bis ich auf einer Jacht durch die Südsee schippern würde und jeden Tag mit ein oder zwei Trades mein ansonsten ausschweifendes Leben finanzieren würde…
Es gab sogar eine Zeit, in der es zu funktionieren schien (vor dem Jahr 2000). Doch wenn ich nun nach so vielen Jahren auf meine Traderkarriere zurückblicke, muss ich leider feststellen, dass die Realität sich kaum weiter von meinem damaligen Traum hätte entfernen können.
Zeit – viel Zeit
Statt Südsee und Luftschlössern blieben unzählige Stunden harter Arbeit. Ich habe zeitweise jeden Tag, jedes Wochenende, ohne Urlaub, 12 bis 16 Stunden am Tag vor den Monitoren gesessen. Das alles nur, um dieser Börse endlich ihre Geheimnisse abzuringen. Das ging über Jahre – bei mir waren es in dieser extremen Form in etwas fünf Jahre.
Und das ist die erste Voraussetzung: Zeit – sehr viel Zeit. Rechnen Sie mit durchschnittlich fünf Jahren Zeit bei täglicher Beschäftigung.
Geld – viel Geld
Und damit kommt das nächste Problem: Wovon lebt man in dieser Zeit, zumal man oft gerade am Anfang noch Verluste erleiden wird. Diese müssen auch finanziert werden. Ich habe letztens noch einmal nachgerechnet, wie viel mich die (autodidaktische) Ausbildung zum Trader eigentlich gekostet hat. Wenn ich die Kosten für Lebensunterhalt, die anfänglichen Verluste und sonstigen Ausgaben zusammenrechne, komme ich auf einen Betrag von 120.000 DM, also ca. 60.000 Euro.
Gut, das entspricht in etwa den Kosten eines kompletten Studiums (je nach Studiengang und Stadt).
Geduld und Durchhaltevermögen
Tatsächlich gelingt es aber nur wenigen Menschen, mehrere Jahre ohne Erfolgserlebnisse durchzuhalten. Ich vermute, man muss schon einer gewissen Form des Börsenwahnsinns verfallen sein, um immer und immer wieder neue Methoden und Herangehensweisen, neue Börsen, neue Indikatoren, neue charttechnische Modelle und neue Theorien auszuprobieren, bis man in dem großen Fundus an Börsenmüll die Dinge gefunden hat, die funktionieren. Tatsächlich gibt es wahrscheinlich kaum einen anderen Beruf, bei dem man noch mehr Misserfolge erleiden muss, um zur Meisterschaft zu gelangen. Wenn ich heute überlege, welchen abstrusen Ideen und seltsamen Thesen ich gefolgt bin. Aber gut, das gehört wohl dazu.
Charakterliche Stärke
Und wenn Sie all diese Hürden überwunden haben (oft schon früher), erscheint das große Börsenduo, das letzten Endes die Spreu der Trader vom Weizen trennen: Gier und Angst.
Korrekter muss es heißen Gier und Selbstüberschätzung und Angst und Misstrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Nach all den Tief- und Rückschlägen, nachdem viel Geld verloren wurde und die Börse sich immer wieder weigert, Regelmäßigkeiten aufzuweisen, erstarren viele Trader-Anwärter in Angst. Angst vor dem nächsten Trade, Angst vor dem Verlust und noch schlimmer, die Angst davor, dass ein Gewinn wieder ins Minus läuft.
Diese Angst veranlasst die arme Traderseele, zu schnell auszusteigen, wenn es gegen sie läuft. Es verhindert, dass Gewinne laufen gelassen werden (sprich sie werden schnell realisiert, damit sie nicht wieder in sich zusammenbrechen). Diese Angst verhindert, dass Trades eingegangen werden, die lukrativ sind, weil man nach einer nicht existenten Sicherheit sucht. Diese Angst und das daraus resultierende Misstrauen in die eigenen Fähigkeiten kann aus einem guten Trader ein Traderwrack machen – unfähig zu handeln.
Die Gier
Doch noch diffiziler agiert die Gier. Wenn sich dann irgendwann Gewinne einstellen, werden viele Trader übermütig. Zunächst sind es die kleinen gierigen Euphorien. Nach einer guten Woche will man mit dem einen letzten Trade nun richtig absahnen. Das sind natürlich meistens die Trades, die vollkommen in die Hose gehen und den Wochengewinn wieder vernichten. Wie oft ist es die Gier, die verursacht, dass man nach einer guten Phase das Risiko hoch- und die Schutzmechanismen runterfährt? Es gibt Trader, die seit vielen Jahren immer über Wochen gute Gewinne machen, um dann durchzudrehen. In wenigen Tagen wird daraufhin die Arbeit von Wochen, zum Teil sogar Monaten zunichte gemacht.
Gier im Endstadium
Aber das ist noch nicht die schlimmste Form der Gier. Diese schlimmste Gier entsteht meist spät in der Karriere. Dann nämlich wenn es wirklich gut läuft. Es entsteht ein schleichender Prozess, der zu Arroganz und Überheblichkeit führt. Doch diese Charaktermischung hat eine fatale Folge: Sie führt dazu, dass die Betroffenen die Bodenhaftung verlieren. Und ohne Bodenhaftung ist die Katastrophe vorprogrammiert. In solchen Momenten werden die wirklich großen Fehler gemacht, die tatsächlich ein ganzes Traderleben vernichten können. Ich habe in meinem Umkreis leider bereits mehrere solcher Fälle miterleben müssen. Zwar kommen die meisten wieder auf die Füße, aber in seltenen Fällen ist es anschließend mit dem Traden ganz vorbei.
Vorzeichen
Ich finde es übrigens hoch interessant, dass gerade bei den schreibenden Kollegen dieses völlige Abdriften oft schon Wochen vorher am Schreibstil zu erkennen ist. Also wenn Sie bei Börsenbriefautoren oder Analysten das Gefühl haben, dass da nun jemand wirklich jeden Kontakt zur Wirklichkeit verliert und den Eindruck vermittelt, ihm könne nun nichts mehr passieren, er habe die endgültige Börsenweisheit mit Löffeln gefressen – machen Sie sich sehr schnell davon!
Übrigens sind, wie wir in den letzten beiden Jahren schmerzhaft erfahren durften, offensichtlich auch Top-Manager von Banken nicht davor gefeit, dieser Schwäche zu erliegen…
Die Gier und die damit zusammenhängende Selbstüberschätzung zu überwinden, erfordert die Fähigkeit, sich immer wieder in Allem in Frage zu stellen. Eine Fähigkeit, die zu den überlebenswichtigsten an den Börsen gehört.
Das Chaos
Wenn sie all diese Schritte gegangen sind, bleibt am Ende nur noch eins übrig: Es ist das unlösbare Problem des Berufs „Trader“. Hinter all den Schleiern, den Geschichten und den Mythen stellen Sie zum Schluss fest, dass Börse immer eine chaotische Komponente hat. Börse ist also letztendlich also nie wirklich fassbar und entzieht sie sich damit auf immer der Sicherheit.
Wir Menschen haben allerdings eine Schwäche für Sicherheiten. Wir brauchen sie, um zu entspannen, um uns zu erholen. Wenn Sie lange Jahre einem anderen Beruf nachgehen, werden Sie irgendwann die Abläufe kennen. Alles ist Ihnen vertraut. Das gibt ein Gefühl der Sicherheit und Souveränität.
Die Börsen sind jedoch immer anders. Andauernd tauchen neue Themen auf, mit denen Sie sich noch nie vorher beschäftigt haben (wer von uns hat sich jemals zuvor mit der Wirtschaft Griechenlands auseinandergesetzt?). Trader ist demnach ein Job, der bis ins hohe Alter Unruhe ins alltägliche Leben bringt. Kein Wunder, dass die Finanzbranche zu den Branchen gehört, in denen die meisten Burn Outs entstehen.
Die letzte, langfristige Voraussetzung ist demnach, die Fähigkeit sich unverzagt immer wieder dem Chaos Tag für Tag aufs Neue zu stellen und jeglichen Neuerungen offen gegenüberzustehen.
Fazit
Interessant ist dabei folgendes: Wenn ich die Fragenden mit diesen Antworten konfrontiere, denke ich immer, dass sie eigentlich ernüchtert reagieren müssten. Man müsste doch angesichts dieser Erfordernisse und Gefahren den Wunsch Trader zu werden zumindest hinterfragen, wenn nicht sogar verwerfen. Aber das passiert nicht – eher das genaue Gegenteil.
Hin und wieder vermute ich, dass es damit zusammenhängt, dass wir gelangweilten Industriestaaten-Menschen einfach im Leben endlich mal eine richtige Herausforderung suchen. Etwas, dass uns an unsere Grenzen bringen kann. Und keine Frage, da ist die Börse sicherlich ein geeignetes Medium.
Wenn Sie es übrigens geschafft haben, erwartet sie etwas, das den ganzen Aufwand wirklich lohnenswert erscheinen lässt: Es gibt keinen anderen Job, in dem Sie freier und unabhängiger sind, denn als eigenverantwortlicher Trader.
Viele Grüße
Jochen Steffens
08/04/2010 um 10:06
Was schaetzt du so sehr an steffens, wenn ich fragen darf, ich kenne den nicht.
der wertvollste satz ist meiner meinung nach der mit dem studium und vergleich der kosten.
Unterschied nur bei einemstudium bekomme ich etwas zertifiziert das ich es kann und das auch der der es mir beigebracht hat etwas kann. Woher weiss ich das Steffens etwas kann. ich weiss also nicht ob sein ratschlag erfolgreich ist.
Ferner es gibt viele die alles ueber fussball wissen aber trotzdem nicht spielen koennen wegen nicht vorhandenem talent.
Wie unterscheide ich nun was steffens ist. Die unterscheidung muss ich ja erst machen sobald der jenige einen service anbietet fuer den ich bezahlen soll opportunitaetskosten mal ausgenommen.
Wie beweise ich aber das ich traden kann? Da gibt es nur 2 Methoden einen Track Record der ein paar Jhre alt ist am besten mindestens 10 Jahre mitvielen unterscheidlichen boersenphasen oder permanentes live trading.
Und jetzt die Fragen aller Fragen, wieso lassen sich leute immer wieder an der Boerse hinter das licht fuehren. Warum schenke ich jemand vertrauen nur weil er einen Artikel schreibt oder sich als experte schuempft. wieso soll der mehr wissen als ich selber. Wenn mir jemand sagt er sei arzt vertraue ich dem dann auch bilnd.Nein! Aber sobald er seinen kittel und sein stetosdingsbums(ich benutze nur fachwoerter) um hat, dann glauben die meisten einem ohne problem dasman arzt ist.
Haengt damit zusammen das man als kind an bestimmte bilder gewoehnt wird und das hinterfragen laesst,aber eigentlich muss man immer alles hinterfragen und die zweifel aus dem weg raeumen bevor man jemand anderemetwasglaubt,denn warum soll der den mehr wissen als man selber nur weil er das sagt.
Der steffens hat doch auch so nen komisches buch geschrieben und tourt mit auf der worldoftrading.
mein tipp an ihn er traded ja schon ein paar jahre, kannste ihm ja weiterreichen, einfach mal seinen track record, also sein eigenes konto veroeffentlichen auf seiner stockstreet seite und dann explodieren entweder die abo zahlen oder es war alles nur heisse luft.
in dem sinne boersenexperten schreiben keine newsletter! MAche ich ja auch nicht
08/04/2010 um 10:23
@gg
Das stimmt schon! Aber der Artikel ist schon sehr gut und beschreibt viele wahrhaftige Dinge. Ich kann den Inhalten gut folgen, diese nachvollziehen und zum größten Teil bestätigen.
Natürlich hast Du recht: Beibringen kann man es niemanden, kostenpflichtige Seminare sind für die Katz und überteuerte Bücher nur zum Heizen zu verwenden. All diese Dinge benötigt man nur in den ersten Monaten des Tradings – wer schon länger als ein Jahr intensiv dabei ist, kann sich das sparen.
LG Aurelius
08/04/2010 um 12:05
@Aurelius,
ist ja wie mit allem Schauspieler rock star, fussball profi, die arbeit die dahinter steckt will man nicht sehen. So ist das beim Trading ja auch.
Wie du schon sagst, wichtig ist nur, dass man jetzt nichts steffens buch oder seinen Brief abonniert, weil er mal was richtiges hier schreibt.
Ob er traden kann geht aus dem Artikel nicht hervor und ich wuerde gutes Geld wetten, wenn er seinen track record offen legt und die Zeit die er investiert hat alles zu lernen, dass er eine buy and hold strategie nicht schlaegt.
der beste weg ist in einen hedge fund oder eine trading firma zu gehen und so es zu lernen meiner meinung nach. Noch ein tip an alle die was suchen, schaut euch mal bei grain trading firms um, klingt langweilig ist aber ein super einstieg und man kann eine menge lernen
08/04/2010 um 15:01
@gg
was meinst du mit :
grain trading firms um,
link ?
08/04/2010 um 15:47
keiner weiß es ob er deswegen traden kann, aber ich habe fast jeden artikel von ihm seit 3 jahren gelesen (auch beim investor verlag) und ich fand die art wie er über trading und die märkte schreibt authentisch und echt und deswegen traue ich seinen künsten
11/04/2010 um 21:42
jochen steffens? ich habe mal neben seinem newsletter auch 1 jahr lang seinen kostenpflichtigen börsenbrief abonniert (2006 oder 2007?), war zwar teuer aber schon ganz ok … auf alle fälle mochte ich seine vernünftige + sachliche art